Knospen am Obstbaum erkennen und Alternanz vorbeugen
Wer im Winter oder zeitigen Frühjahr vor einem Apfel- oder Birnbaum steht und die Schere ansetzt, sollte wissen, was er wegschneidet. Eine der wichtigsten Grundlagen beim Baumschnitt ist es, die verschiedenen Knospenarten unterscheiden zu können.
Im Wesentlichen gibt es an unseren Obstbäumen zwei Hauptarten von Knospen, die für den Schnitt relevant sind: die Blattknospe (auch Holzknospe genannt) und die Blütenknospe (Fruchtknospe).
Die Blattknospe (Holzknospe)
Blattknospen sind für das vegetative Wachstum des Baumes zuständig. Aus ihnen entstehen im Frühjahr neue Blätter und neue Triebe (Äste).
Wie sehen sie aus? Sie sind eher schmal, spitz zulaufend und oft etwas kleiner. Meist liegen sie relativ flach und eng am Ast an.
Wo findet man sie? Man findet sie vor allem an den sogenannten Langtrieben (den langen, geraden Ästen, die im letzten Jahr stark gewachsen sind) und ganz am Ende eines Triebes. Auch die steil nach oben wachsenden Wasserschosse sind voll von Blattknospen.
Die Blütenknospe (Fruchtknospe)
Aus den Blütenknospen entwickeln sich, wie der Name sagt, die Blüten – und daraus später bei erfolgreicher Bestäubung das Obst.
Wie sehen sie aus? Blütenknospen sind deutlich dicker, runder und gedrungener als Blattknospen. Sie wirken oft etwas pelzig und stehen meist leicht vom Ast ab, anstatt sich eng anzuschmiegen.
Wo findet man sie? Sie sitzen in der Regel am sogenannten Kurztrieb (Fruchtholz). Bei unseren Streuobst-Klassikern bilden sich die Blütenknospen meist an Holz, das zwei bis drei Jahre oder älter ist.
Besonderheiten beim Kernobst (Apfel und Birne)
Wenn wir von unseren Äpfeln und Birnen auf der Wiese sprechen, müssen wir uns die Blütenknospen noch einmal genauer ansehen. Kernobst hat hier eine ganz spezielle Eigenschaft:
Bei Apfel und Birne sind die Blütenknospen sogenannte gemischte Knospen. Das bedeutet, dass aus dieser einen dicken Knospe im Frühjahr nicht nur ein Blütenbüschel wächst, sondern gleichzeitig auch Blätter und ein ganz kurzer neuer Trieb.
Das hat direkte Auswirkungen darauf, wie der Ast nach ein paar Jahren aussieht. Weil aus der Knospe immer wieder ein kleines Stück Holz mitwächst, entstehen über die Jahre stark verzweigte, knubbelige und ringelige Kurztriebe. Man nennt das in der Fachsprache Ringelspieße oder bei sehr alten, stark verzweigten Trieben auch Fruchtkuchen oder Quirlholz. Daran erkennst du beim Apfelbaum zielsicher das alte, wertvolle Fruchtholz.
(Zum Vergleich: Bei Steinobst wie der Kirsche gibt es reine Blütenknospen. Dort wächst wirklich nur die Blüte heraus, weshalb das alte Holz ganz anders aussieht.)
Weitere Knospen, die man kennen sollte
Beiknospen (Nebenknospen): Diese sitzen direkt neben oder unter einer Hauptknospe. Sie sind die eiserne Reserve des Baumes. Wenn die Hauptknospe durch Spätfrost erfriert oder durch Schädlinge zerstört wird, treibt die Beiknospe aus.
Schlafende Knospen (Adventivknospen): Sie sitzen unsichtbar unter der Rinde des alten Holzes. Wenn der Baum stark zurückgeschnitten wird oder ein großer Ast abbricht, werden sie aktiviert. Aus ihnen schießen dann meist die senkrechten Wasserschosse, mit denen der Baum den Blattverlust schnell ausgleichen will.
Alternanz durch den Winterschnitt steuern
Wenn man die Blütenknospen sicher erkennt, lässt sich damit ein typisches Problem alter Apfelsorten (wie zum Beispiel beim Roten Boskoop) abmildern: die Alternanz. Das ist der Wechsel zwischen einem Jahr mit extrem hohem Ertrag (Mastjahr) und einem darauffolgenden Jahr mit fast gar keinen Äpfeln (Fehljahr).
Das passiert, weil der Baum im Mastjahr all seine Energie in die Früchte steckt und keine Kraft mehr hat, um neue Blütenknospen für das nächste Jahr anzulegen. Mit dem Winterschnitt kann man hier gegensteuern:
Schnitt vor einem erwarteten Mastjahr: Wenn der Baum übervoll mit dicken Blütenknospen ist, steht ein Mastjahr an. In diesem Fall wird beim Winterschnitt stärker ins Fruchtholz eingegriffen. Man schneidet altes, stark verästeltes Fruchtholz (die dicken Fruchtkuchen) rigoros heraus und dünnt die Blütenknospen deutlich aus. Dadurch hat der Baum im Sommer weniger Früchte zu versorgen und behält genug Energie, um neue Blütenknospen für das Folgejahr zu bilden.
Schnitt vor einem erwarteten Fehljahr: Findet man am Baum im Winter fast keine dicken Blütenknospen, steht ein Ertragsloch an. Jetzt darf das wenige vorhandene Fruchtholz auf keinen Fall weggeschnitten werden. Der Schnitt beschränkt sich in diesem Fall darauf, Wasserschosse zu entfernen, totes Holz herauszunehmen und die Krone leicht auszulichten, um das Wachstum anzuregen.

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